Interview mit Ökotrophologin Carolina Diana Rossi zum Thema Nudging

Schon mal was von Nudging gehört? Was sich hinter dem Begriff verbirgt und was Nudging mit gesunder Ernährung zu tun hat, hat uns Ökotrophologin Carolina Diana Rossi  in einem Interview verraten.

Ökotrophologin Carolina Diana Rossi
Ökotrophologin Carolina Diana Rossi; Foto: Privat

Liebe Carolina, vielen Dank, dass Du uns einige Fragen zum Thema Nudging beantwortest. Du beschäftigst Dich ja jetzt schon länger damit. Kannst Du uns erzählen woher der Begriff kommt und was sich dahinter verbirgt?

Sehr gern! Ich beschäftige mich seit mittlerweile vier Jahren mit dem Thema Nudging, da ich in der Forschungsgruppe „Nudging im Norden“  an der HAW Hamburg aktiv bin.

Der Begriff „Nudging“ kommt aus dem Englischen und bedeutet „anstupsen“.

Die „Anstupser“ sind Impulse, die das menschliche Verhalten beeinflussen und zu einer günstigeren Entscheidung führen können.
Hintergrund ist, dass wir Menschen täglich hunderte Entscheidungen treffen.

Die meisten davon sind jedoch automatisch und schnell, da rationale und kontrollierte Entscheidungen Zeit und Energie kosten. Doch gerade diese automatischen Entscheidungen erfolgen oft unbewusst, äußere Impulse können diese beeinflussen. Die Umgebung am Entscheidungsort kann hier beispielsweise eine große Rolle spielen und Menschen bei der Wahl einer bestimmten Option beeinflussen.

Genau hier knüpft das Nudging an: Dabei wird die Umgebung, in der sich Menschen bewegen, bewusst so verändert, dass eine bestimmte Entscheidung leichter fällt als eine andere. Diese bewusste Gestaltung der Umgebung wird auch „Entscheidungsarchitektur“ genannt.

Der Begriff wurde durch zwei amerikanischen Professoren, Richard H. Thaler und Cass Sunstein geprägt. Sie veröffentlichten im Jahr 2008 den Bestseller „Nudge – wie man kluge Entscheidungen anstößt“. Dieses Buch hat Nudging populär gemacht und im Jahr 2017 erhielt Professor Thaler für die Nudge-Theorie den Wirtschaftsnobelpreis.

Welche Voraussetzungen für die Anwendung von Nudging gibt es?

Damit bei der Umgebungsgestaltung auch von Nudging gesprochen werden kann, müssen drei Bedingungen erfüllt sein:


1.    Die Wahlmöglichkeiten müssen bestehen bleiben.
2.    Der Anstupser, d.h. der Nudge, muss einfach zu umgehen sein.
3.    Die Maßnahmen sind ethisch sowie moralisch vertretbar und dienen dem Wohl des Einzelnen und der Gesellschaft.


Nur wenn diese drei Prinzipien gleichzeitig erfüllt werden, kann eine Maßnahme als Nudge bezeichnet werden.

Wo begegnet uns Nudging denn schon in unserem Alltag?

Wir begegnen Nudging in vielen Bereichen unseres Alltags, zum Beispiel
in der Hygiene oder im Essverhalten. Aber auch in Bereichen, die nicht mit Gesundheit zu tun haben, finden wir Nudges: bei der Steuerzahlung, beim Energiesparen oder auch in Finanzentscheidungen.

Beispielsweise finden wir Hinweise zum Händewaschen oder Desinfizieren auf öffentlichen Toiletten: kleine Hinweise, welche unbewusst wahrgenommen werden. Auch in Apps auf dem Smartphone wird oftmals Nudging eingesetzt, um das Verhalten der Nutzer*innen bei günstigeren Entscheidungen zu unterstützen, zum Beispiel durch den Einsatz von Erinnerungen oder Pop-Ups, die auf ein Verhalten hinweisen.

Grundsätzlich werden Nudging-Maßnahmen bereits von den unterschiedlichsten Organisationen eingesetzt, zum Beispiel Regierungen, Unternehmen, NGOs und Forschungsinstituten.

Und was hat Nudging mit Ernährung zu tun?

Im Jahr treffen wir über 81.000 ernährungsbezogene Entscheidungen, dies entspricht ca. 230 Entscheidungen pro Tag. Die meisten davon treffen wir automatisch, ohne darüber nachzudenken. Gerade diese unbewussten Entscheidungen können von der Gestaltung der Umgebung beeinflusst werden. Durch den Einsatz von Nudging kann demnach auch das Essverhalten in eine günstigere Richtung „angestupst“ werden, ohne dass Verbote oder Einschränkungen eingesetzt werden.

Kinder in Kantine, Nudging in Kantine, Kinder in Mensa, Kinder am Buffet, Gesundes Buffet, Obst, Früchte
Foto: Robert Kneschke - stock.adobe.com

Im Ernährungsbereich kann Nudging sehr vielfältig eingesetzt werden – in Kantinen, beim Bäcker, im Gemüseladen, im Supermarkt, im Büro aber auch im Privathaushalt. Dabei können unterschiedliche Aspekte in den Fokus gestellt werden, zum Beispiel der Gesundheits- und Nachhaltigkeitsaspekt.

Beispielsweise können in Kantinen gesundheitsförderliche Produkte auf Augenhöhe und in Reichweite platziert werden oder Hinweisschilder und Kennzeichnungen können die Produkte in Szene setzen. So werden die präferierten Wahlmöglichkeiten in den Vordergrund gestellt.

Durch Nudging können also Entscheidungen für eine gesunde Essensauswahl angestupst werden. Wie lässt sich das zu Hause umsetzen?

Wasserflasche und Wasserglas auf einem Tisch, Wasserflasche, Wasser trinken
Foto: Chera - stock.adobe.com

Es gibt viele Möglichkeiten, um Nudges für die Förderung einer gesundheitsförderlichen Ernährung auch zuhause einzusetzen. Wir können beispielsweise Obst und Gemüse schneiden und vorportioniert im Kühlschrank auf Augenhöhe lagern: Wenn der Hunger kommt, steht ein Snack schon bereit und somit nudgen wir uns und unsere Mitmenschen.

Das funktioniert auch mit Getränken: Steht eine frische ansprechende Wasserflasche schon bereit, erinnern wir uns häufiger an das Trinken im Alltag.

Eine weitere Möglichkeit für den Einsatz von Nudging ist, Standardoptionen auszuwechseln. Beispielsweise werden standardmäßig Produkte aus Vollkorn gekauft und für das Kochen benutzt. Auch Rezepte können wir so umschreiben, dass wir weniger Salz nutzen müssen und dafür mehr Gewürze einsetzen.

So ändern wir ein Standardrezept und treffen automatisch und ohne großen Aufwand günstigere Entscheidungen.

In unserer Projektphase „Gesund genießen“ gehören Familien zu unseren Zielgruppen. Gerade für Kinder ist es manchmal schwierig genügend Gemüse und Obst zu essen. Kann Nudging dabei helfen?

Kleiner Junge mit Wassermelone, Kleiner Junge isst Wassermelone, Kind isst Wassermelone, KInd mit Wassermelone, Kind isst Obst
Foto: golibtolibov - stock.adobe.com

Auf jeden Fall! Nudging ist auch bei Kindern wirksam, dies wurde auch in Studien festgestellt. Bei Kindern können wir vor allem Farben und Formen nutzen, um spielerisch eine gesundheitsförderliche Ernährung zu unterstützen. Auch der Einsatz von Standardoptionen sowie die Änderung der Erreichbarkeit von Produkten kann sehr wirksam sein.

Belegte Brote für Kinder, gesundes Essen für Kinder, Brot, Gemüse, Stullen
Foto: zefirchik06 - stock.adobe.com

Witzige Formen für Vollkornprodukte, bunte Salate und Obstschalen sowie eine ansprechende Präsentation können die Essenswahl stark beeinflussen.
Außerdem können wir Süßigkeiten und Snacks so platzieren, dass sie schwieriger zu erreichen sind. Hier bietet sich zum Beispiel der Keller oder eine höhere Etage auf einem Regal an.


Auch eine Änderung der Standardoption im Pausenbrot kann sehr wirksam sein, so kann das Brot standardmäßig aus Vollkornmehl und vegetarisch belegt sein.

Nudging ist eine simple und kostengünstige Möglichkeit, um die Essensauswahl zu unterstützen. Nudges sind wirksam und können in vielen Alltagssituationen eingesetzt werden. Auch im Privathaushalt und bei Kindern kann Nudging sehr wirksam sein. Als Grundlage für die Entwicklung von Nudging-Maßnahmen bieten sich allgemeine Richtlinien für eine vollwertige und gesundheitsförderliche Ernährung an. Hier können beispielsweise die 10 Regeln der DGE genutzt werden.